Rund 50 Gäste besuchten Anfang Oktober die „Lebendige Bibliothek“ an der Theo-Koch-Schule. Dort hörten sie die persönlichen Geschichten ehemaliger DaZ-Schülerinnen und -Schüler sowie die Biografien jüdischer Schülerinnen und Schüler aus Grünberg und kamen anschließend mit den „lebendigen Büchern“ ins Gespräch.

GRÜNBERG. Wie fühlt es sich an, die eigene Heimat verlassen zu müssen? Und wie war es, als jüdisches Kind in Grünberg zur Schule zu gehen, bevor die nationalsozialistische Verfolgung das Leben der Menschen zerstörte? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Theo-Koch-Schule am 1. Oktober im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

Unter dem Titel „Fluchtpunkt Grünberg – Geschichten vom Heimisch- und Fremdsein“ lud die AG Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage zu einer besonderen Form der Begegnung ein: Bei der „Lebendigen Bibliothek“ werden Menschen selbst zu Büchern. Die Gäste hören ihre Geschichten und können anschließend Fragen stellen und sich persönlich mit ihnen austauschen.

Zwei Gruppen von Lebensgeschichten standen dabei im Mittelpunkt. Ehemalige Schülerinnen und Schüler der DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) teilten ihre persönlichen Fluchtgeschichten, die sie bereits im Rahmen einer Projektwoche an der Schule niedergeschrieben hatten. Sie berichteten von ihren Erfahrungen, ihrem Weg nach Deutschland und dem Ankommen in einer neuen Umgebung.

Die zweite Gruppe widmete sich jüdischen Schülerinnen und Schülern, die früher in Grünberg und Umgebung gelebt und die örtliche Schule besucht hatten. Christina Müller hatte gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern intensiv zu deren Biografien recherchiert und zahlreiche Lebensgeschichten zusammengeführt. Einige davon wurden bei der Veranstaltung von Mitgliedern der AG als „lebendige Bücher“ verkörpert.

Rund 50 Gäste aus der Schülerschaft, dem Kollegium und der Öffentlichkeit nahmen teil. Die Veranstaltung ist Teil des Projektes „Erzähl doch mal! Die lebendige Bibliothek für den Dialog und gegen Antisemitismus in ländlichen Räumen“ in Kooperation mit dem Anne Frank Zentrum e. V. in Berlin. Gefördert wird die Lebendige Bibliothek durch das Bundesprogramm „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ des Bundesministeriums des Innern und für Heimat und durch die Stiftung Büro Pfarrer Grüber. Als weiterer Kooperationspartner unterstützte uns der Verein „Grünberg für Demokratie und Toleranz e. V.“, von dem ebenfalls zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter an der Veranstaltung teilnahmen.

Die persönlichen Begegnungen hinterließen Eindruck. Nico Gehle, der die Veranstaltung gemeinsam mit Daria Konrad und Christina Müller organisiert hatte, zog ein positives Fazit:

„Das war eine sehr wertschätzende, emotionale und gewinnbringende Veranstaltung, die den Gästen im Kontakt mit den Büchern noch einmal ganz andere Perspektiven ermöglicht hat. Die Gespräche haben gezeigt, wie tief bewegt die Gäste waren und wie sehr sie den Mut der Schülerinnen und Schüler schätzten. Sowohl derjenigen, die ihre eigene Biografie vorstellten, als auch derjenigen, die vom Leben einer jüdischen Person aus Grünberg erzählten.“

Husna Sharifi und Haya Abdelal, ehemalige DaZ-Schülerinnen, zeigten sich dankbar für die Begegnungen: „Es war sehr wertvoll, dass wir nach so vielen Jahren darüber sprechen und unsere Erfahrungen mit Jugendlichen und Erwachsenen teilen konnten Ein großes Dankeschön gilt allen Beteiligten und besonders den Lehrkräften, die uns unterstützt und motiviert haben.“

Julian Müller trug als lebendiges Buch die Biografie von Irma Simon vor, die aus den Niederlanden, wohin sie vor den Nazis geflohen war, in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wurde. Sein Resümee: „Wir haben uns darüber ausgetauscht, dass Irma Simon trotz allem Elend, das sie erleiden musste, nicht aufgegeben hat. Sie selbst hat nach dem Krieg noch anderen, vor allem jüdischen, Menschen geholfen. Ich persönlich nehme mir an solchen Menschen ein Beispiel.“

Bei Getränken und einem kleinen Buffet konnten die Gespräche fortgesetzt werden. Der Nachmittag machte deutlich, wie wichtig es ist, einander zuzuhören, Fragen zu stellen und miteinander ins Gespräch zu kommen, um Verständnis zu schaffen und Vorurteilen entgegenzuwirken.

Im November steht an der Theo-Koch-Schule bereits die nächste besondere Begegnung an: Dann werden fast 40 Nachkommen ehemaliger jüdischer Schülerinnen und Schüler aus Grünberg und Umgebung zu Gast sein. Sie reisen dafür aus den USA, Australien, Israel, Kanada, Spanien und Deutschland an. Die Begegnung verbindet dabei die Spurensuche nach den Lebenswegen ihrer Vorfahren in Grünberg und Umgebung mit dem persönlichen Austausch mit den Schülerinnen und Schülern der TKS.

vgl. auch „Persönliche Fluchtgeschichten“, Gießener Allgemeine Zeitung vom 02.11.26