Im November 2026 steht in Grünberg ein deutschlandweit wahrscheinlich einzigartiges Ereignis an: Rund 40 Personen aus der ganzen Welt, Nachfahren ehemaliger jüdischer Schülerinnen und Schüler aus Grünberg, werden in der Gallusstadt erwartet. Sie reisen an aus Australien, Israel, Kanada, Spanien und den USA. Eingeladen haben der Magistrat der Stadt Grünberg, die Theo-Koch-Schule, die Gallus-Schule und die Grundschule am Diebsturm.

Einige der Nachkommen, darunter der ehemalige Harvard-Präsident Lawrence Bacow, waren bereits am 15. September 2022 im Museum im Spital zu Gast. Dort hatte eine AG der Theo-Koch-Schule Biografien von jüdischen Ehemaligen präsentiert. Andere waren schon privat auf den Spuren ihrer Vorfahren in Oberhessen unterwegs, werden im November 2026 aber zum ersten Mal offiziell als Teil des Erinnerungsprojekts „Jüdische Ehemalige aus Grünberg“ in Grünberg zu Gast sein. Alle, die ihre Teilnahme zugesagt haben, sowie die Engagierten in Grünberg warten gespannt und voller Vorfreude auf die Begegnung im November.

Ein engagiertes Team aus dem Kollegium der Theo-Koch-Schule hat folgendes Programm geplant: Am Montag, dem 9. November 2026, werden die internationalen Gäste vormittags im Grünberger Rathaus begrüßt. Anschließend geht es auf Spurensuche zum jüdischen Leben in Grünberg. Stationen sind die Gedenktafel für die jüdische Arztfamilie Buxbaum am Marktplatz, die Grundschule am Diebsturm, in deren Gebäuden sich früher die Realschule befand, die Judengasse mit Informationen zum jüdischen Leben im Mittelalter und die Ausstellung zu den jüdischen Ehemaligen im Museum im Spital.

Am Nachmittag des 9. November 2026 findet in der Aula der Theo-Koch-Schule, Struppiusstraße 8–12, eine öffentliche Gedenkveranstaltung statt, zu der alle Interessierten herzlich eingeladen sind. Die Veranstaltung beginnt um 15:20 Uhr. Das Publikum erwartet stimmungsvolle Musik von der Schulband und eine Gesprächsrunde mit Nachkommen. Gegen 17:00 Uhr endet die Veranstaltung mit Kerzenanzünden und gemeinsamem Gedenken am Erinnerungsweg auf dem Schulcampus.

Am Dienstag, dem 10. November 2026, geht es vormittags auf Spurensuche in Allendorf an der Lumda, Nordeck und in der Rabenau, woher die Vorfahren der Gäste stammen. Als Orts- und Sachkundige haben Jens Hausner vom Verein für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau und Werner Heibertshausen von der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf/Lda ihre Unterstützung zugesagt. Nachmittags ist eine Exkursion nach Marburg geplant mit Besichtigung des Gartens des Gedenkens und der Überreste der mittelalterlichen Synagoge. Die Aktivitäten werden durch Lernende der Theo-Koch-Schule begleitet. Auf diese Weise soll der Austausch zwischen den Generationen ermöglicht und eine lebendige Erinnerungskultur gefördert werden.

Das Erinnerungsprojekt steht im Zeichen von gleich zwei Jubiläen: Seit 1876, also seit 150 Jahren, besteht das weiterführende Schulwesen in Grünberg. Vor 30 Jahren, genauer am 13. Juli 1996, wurde die Theo-Koch-Schule Mitglied im bundesweiten Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Mit 1170 gesammelten Unterschriften bekundete die Schulgemeinde damals ihren Willen, gegen rassistische Vorfälle vorzugehen, eine tolerante und vielfältige Schulkultur zu fördern und einmal im Jahr mindestens eine antirassistische Veranstaltung durchzuführen.

Mit dieser Herausforderung, die angesichts aktueller Angriffe auf Demokratie, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit dringender ist denn je, bleiben die Grünberger Schulen nicht allein. Bereits im frühen Planungsstadium des Erinnerungsprojekts haben verschiedene Akteure ihre Unterstützung zugesagt: als Kooperationspartner das Museum im Spital Grünberg und der neugegründete Verein „Grünberg für Demokratie und Toleranz“, mit großzügigen finanziellen Beiträgen der Beauftragte der Landesregierung für das jüdische Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, die Stiftung der Sparkasse Grünberg, die Städte Grünberg und Laubach, der Landkreis Gießen, der Freundeskreis Museum Grünberg, die Grünberger Werbegemeinschaft, die katholische Kirchengemeinde, der Verein zur Förderung der Friedensarbeit Grünberg/ Laubach/Mücke, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der Partnerschaftsverein Gießen-Netanya, die Fördervereine der Theo-Koch-Schule und der Grundschule Grünberg, der Lions Club Laubach, der Rotary Club Gießen,  sowie die Firmen Bender, Philippi, Erletz, G. H. Krämer, Ing.-Büro Müller, MK Versuchsanlagen, Hürner Luft- und Umwelttechnik, Elektro Kempf, Steakhaus Zur Eule, Seminarhotel Jakobsberg, Schreinerei Euler und die Gallus-Apotheke Grünberg. Zudem haben verschiedene Privatpersonen Geld gespendet.

Informationen zum Projekt „Jüdische Ehemalige aus Grünberg“ finden sich auch auf der Webseite www.tks-erinnert.de.

15. September 2022, Museum im Spital Grünberg: Lawrence Bacow, ehemaliger Harvard-Präsident, unterschreibt ein Exemplar des Buches „How Democracies Die“ von seinen Harvard Kollegen, den Politikwissenschaftlern Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, für die Schulbibliothek der Theo-Koch-Schule (© Stephanie Mitchell, Harvard Photography)

15. September 2022, Museum im Spital Grünberg: Mitglieder einer AG der Theo-Koch-Schule präsentieren den Nachfahren Biografien von jüdischen Ehemaligen (© Stephanie Mitchell, Harvard Photography)

15. September 2022, Museum im Spital Grünberg: Nachfahren jüdischer Ehemaliger im Gespräch mit Lernenden der Theo-Koch-Schule; vorne rechts: Lawrence Bacow, ehemaliger Harvard-Präsident (© Stephanie Mitchell, Harvard Photography)

vgl. auch „Deutschlandweit wohl einzigartig“, Gießener Allgemeine Zeitung vom 02.11.26