Festrede zur Einweihung der neuen Gebäude

Festrede anlässlich der Einweihung der neuen Aula und des Hauses G in der Theo-Koch-Schule – aus dem Gedächtnis rekonstruiert und um einige Bemerkungen erweitert, die aus Gefahr von Wiederholungen wegen der fortgeschrittenen Zeit während der Feier nicht vorgetragen wurden (16.11.2017)

 

Werte Feiergemeinde! 

Gestatten Sie mir zu Anfang eine persönliche Vorbemerkung: Als ich Anfang September im Auftrag der Schulleitung gefragt wurde, ob ich den Festvortrag zur Einweihung der beiden neuen Gebäude halten könne, habe ich nach kurzem Zögern – wegen der knappen Zeitspanne – zugesagt. Gedanklich bin ich ja schon länger mit meiner alten Schule verbunden, weil ich für die Festschrift zum Jubiläum die Ära Maushagen beschreiben durfte. Dabei habe ich erst gemerkt, wie wichtig Robert Maushagen, dessen Todestag sich in diesem Dezember zum 20. Mal jährt, sowohl für die TKS in ihrer heutigen Gestalt als auch für meine persönliche Arbeit an der Schule war. Ihm sei deshalb posthum diese kleine Rede gewidmet. Auch möchte ich an dieser Stelle mein Bedauern darüber ausdrücken, dass ein wichtiger Pionier der Gesamtschule, der langjährige pädagogische Leiter Erhard Schepp, diese Feier nicht mehr erleben kann. Er verstarb in diesem Jahr und wäre sicher gerne dabei gewesen.

Was erwartet euch in den nächsten Minuten? (Bitte entschuldigen Sie den Wechsel der Anredeform, er gehört bei diesem Neuanfang für mich dazu und soll keine Respektlosigkeit ausdrücken.) Zunächst möchte ich, wie alle meine Vorredner, das Neue loben und begründen, warum ich es lobe.

Ich möchte zweitens ganz knapp die tieferen Wurzeln des angestrebten Neuanfangs freilegen und Geschichten aus den 46 Jahren IGS (inklusive „Waldschule“ sind es sogar 51 Jahre) erzählen. Seit dieser Zeit arbeitet die Theo-Koch-Schule daran, eine Schule für alle zu sein. Warum ihr das nicht immer gelang, darum geht es in diesem Teil.

Drittens ziehe ich Schlussfolgerungen aus diesen Erfahrungen und mache möglichst konkrete Vorschläge, wie das Neue gefestigt werden kann.

  1. Ich komme zum Lob. Die beiden neuen Gebäude sprechen für sich, außen und innen, sowohl in ihrer sachlichen und ästhetischen Ausstrahlung als auch in ihrer variablen Funktionalität. Es ist dies nichts weniger als der hoffentlich endgültige Abschied vom wilhelminischen Klassentrakt, aber auch von den kalten Betonburgen der 60er und 70er Jahre mit ihren oft traurigen Zumutungen. Was ist das Besondere, das Unerwartete, das Neue an dem Weg, auf den ihr euch gemacht habt?
  • Da ist zunächst der erstaunlich kurze Zeitrahmen von der Planung und der Fertigstellung der Neubauten. Nur fünf Jahre! Davon können sich andere Baustellen in der Republik eine Scheibe abschneiden – Namen werden selbstverständlich nicht genannt!
  • Was sein Vorgänger Herbert Stündl auf den Weg gebracht hat, hat der neue Schulleiter Jörg Keller weitergeführt, und zwar mit der wichtigen Ergänzung, dass in dem neuen Schulbau der offenen Räume neben herkömmlichen auch zeitgemäße pädagogische Methoden gepflegt werden sollen, nämlich Projektunterricht und individuelles Lernen.
  • Besonders klug war es auch, dass der Schulleiter zwar die gesamte Organisation des Bauvorhabens übernommen, die pädagogische Gestaltung aber seinen Bewohnern überlassen hat.
  • Erstaunlich ist für mich auch die einmütige Zustimmung des Kollegiums zum Projekt. Das habe ich in meiner Zeit so nicht erlebt. Da waren die Abstimmungen oft sehr knapp, bei vielen Enthaltungen.
  • Das neue Konzept wurde nicht auf dem Papier entworfen, sondern es gab Vorbilder, an erster Stelle die Berufliche Schule Westerburg, die sich schon seit über zehn Jahren auf den Weg gemacht hat, den die TKS jetzt einschlägt.
  • Es gab von Anfang an eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Schulträger, namentlich mit der Schuldezernentin.
  • Alle Parteien wurden mit ins Boot geholt, so dass die Abstimmung einstimmig war und die Finanzierung gesichert werden konnte.
  • Und last not least: Die Schulaufsicht war kein Bedenkenträger, sondern Förderer von Anfang an.
  • Auch die ungewöhnliche Festschrift ist ein würdiger Abschluss dieses fünfjährigen Weges. Sie umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Schule. Besonders die anspruchsvolle Gestaltung und die klugen Interviews möchte ich hervorheben.

Man kann mit Jörg Keller geradezu von einem Kairos, einem glücklichen Augenblick in der Geschichte der TKS sprechen.

  1. Wenn ab heute die neuen Räume bezogen werden, ziehen auch mit den Jahrgängen 9 und 10 zwei neue Konzepte in den Unterricht ein. Acht Stunden, also etwa ein Viertel der Wochenstunden werden nochmal in zwei Blöcke aufgeteilt. In dem einen arbeiten die Schülerinnen und Schüler in fächer- und wohl auch klassenübergreifendem Projektunterricht, vier Stunden sind für das individuelle Lernen zur Stärkung der Schülerpersönlichkeit reserviert. Die Festschrift begründet diesen neuen Unterricht zum einen mit dem digitalen Fortschritt und zum anderen mit der Veränderung der Arbeitswelt, die die Schülerinnen auf lebenslanges Lernen und wechselnde Berufstätigkeiten vorbereiten müsse. Nur zur Erinnerung: Dieser zweite Aspekt diente auch schon vor über vierzig Jahren zur Begründung der neuen gymnasialen Oberstufe. Die Förderung der Schüler/-innen durch mehr Selbsttätigkeit wird schon vor über zweihundert Jahren in Deutschland erhoben:

„Die Aufforderung zur freien Selbsttätigkeit ist das, was man Erziehung nennt“, schrieb Johann Gottlieb Fichte 1811, ein Appell, der in der Schulwirklichkeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vergessen und erst von der Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder angemahnt wurde. Beide Konzepte haben also eine langjährige Tradition.

Auch an der TKS wird von Anfang an versucht, die Zielsetzungen Teamarbeit und Förderung individuellen Lernens umzusetzen. Der Planer und der Sprecher der ersten Projektwoche 1985 sitzen hier unter uns, ihr könnt sie fragen, wie das damals war. Diese Woche sollte damals nur der Auftakt sein für eine umfassende Projektarbeit an der Schule. Doch es kam anders. 1992 wurde der Versuch gestartet, den Schülerinnen und Schülern in der Förderstufe fünf Stunden sogenannte Phasen individuelle Arbeitens (PIA) zu ermöglichen. Diese Stunden sollten helfen, die fehlenden Förderkurse zu ersetzen und die lange versprochene Binnendifferenzierung einzuführen. Auch dieser Versuch scheiterte nach nicht mal einem Jahr. Warum gelangen die Versuche vor dreißig Jahren  nicht?

Auf diese Frage gibt es mehrere mögliche Antworten:

  • Das Zusammenwachsen der beiden Kollegien vollzog sich nur allmählich.
  • Der Wille war da, die Ziele häufig zu weit gesteckt.
  • Es gab nie genügend Stellen für Förderunterricht, die Schulleitung musste – wie es so schön heißt – „auf Sicht fahren“, um die Grundversorgung zu sichern.
  • Außerdem lähmte der ständige Parteienstreit die Reformarbeit.

Dabei war Robert Maushagens Position klar:  „Lasst uns in der Schule ruhig arbeiten. Dann können wir eine gute Schule bleiben.“

  1. Ich komme zum letzten Teil meiner Rede. Wie kann das Neue gefestigt werden? Ich mache einige Vorschläge und sehe mich dabei nicht nur als Ratgeber von außen, sondern als Prozessbegleiter, sozusagen als „critical friend“, der zum Erfolg der Reformarbeit beitragen möchte.
  2. Eure Arbeit sollte nicht erst in zwanzig Jahren gelobt und gewürdigt werden, sondern organisiert euch eine Anerkennungskultur jetzt! Habt keine Angst vor Bedenkenträgern! Wie sagt der Berliner: „Jemeckert wird immer“. Nehmt die Kritiker mit ins Boot. Ich habe es in unserer ehemaligen Schulentwicklungsgruppe immer gut gefunden, dass Kritik und Verschiedenheiten nicht unter den Teppich gekehrt und Kontroversen offen ausgetragen wurden.
  3. Denkt die Dimensionen des Schulraumes gründlich durch – auch pädagogisch und philosophisch! Beachtet dabei die Dialektik von Öffnung und Schließung als Bedingung für die Entfaltung der Schülerpersönlichkeit. Die Rede vom Raum als drittem Pädagogen ist einleuchtend. Doch Pädagogik ist in erster Linie Beziehungsarbeit. Dem Raum kommt hier zwar eine erhöhte Bedeutung zu, aber wie die Beteiligten ihn nutzen, ob der Schüler, die Schülerin zum Lerner, die Lehrer zu Lernbegleitern werden, das muss sich erst noch erweisen! Noch ein Gedanke: Welche Rolle spielt das Internet als virtueller Raum? Das ist doch sicherlich auch ein bedeutender, höchst schwieriger Erzieher. Apropos Raum: Gibt es eigentlich noch den Klassenraum im Freien? Ich muss heute, nach vielen Jahren, gestehen, dass ich ihn häufiger genutzt habe, obwohl ich meine Fächer dort eigentlich nicht unterrichten durfte.
  4. Wer organisiert die Auswertung der Projekte? Ich stelle mir vor, dass es eine ständige Koordinationsgruppe gibt, die nicht zu häufig tagt, in der aber möglichst viele Beteiligte sitzen. Sie schafft quasi den Rahmen. Darüber hinaus gibt es kleine, befristet arbeitende Gruppen, die sich einen Teilaspekt vornehmen und ihre Tätigkeit zeitnah abschließen, damit nicht immer die gleichen KollegInnen belastet werden. Wenn z. B. die fächerspezifischen Aufgaben für das individuelle Lernen auf den einzelnen Niveaus erstellt sind, können sich die KollegInnen im folgenden Schuljahr erst einmal bedienen. Das Motto wäre dann sinngemäß: „Sich selbst belohnen, indem man andere beschenkt.“
  5. Wie kann die Auswertung in der Schule organisiert werden? Wenn die Arbeit aller anerkannt werden soll, müssen die Ergebnisse gesichert werden, indem sie dokumentiert werden. Die moderne empirische Forschung nutzt dazu in erster Linie sogenannte „weiche“ Formen, also Diskussionen (Protokolle), Interviews, Berichte über Erfolge in der Zeitung, Ausstellungen in der neuen Aula usw. Es ist klug, sich inhaltlich begrenzte Zwischenziele zu setzen und zeitnah die Ergebnisse zu präsentieren. Ich stelle mir ein offenes Forum im Netz vor, auf der die Berichte der gesamten Schulgemeinde frei zugänglich gemacht werden. Keine Angst vor „Shitstorms“! Die Erfolge werden für sich selbst sprechen.
  6. Wie sollte die Zusammenarbeit aussehen? Wichtig ist die Beteiligung der Gruppen auf Augenhöhe. Von ihrer Rolle und Position in der Schule her kommt den LehrerInnen ein größeres Gewicht zu, aber allein von der Veränderung der Schülerrolle gehen ja in diesen beiden Projekten Impulse aus, die eine verstärkte Mitwirkung nach sich ziehen werden. Was darüber hinaus die Rolle der Eltern angeht, habe ich die Einführung der Schulkonferenz Anfang der 90er Jahre in positiver Erinnerung, eröffnete dieses neue Gremium doch eine neue Beteiligungskultur an der TKS. (Leider bleibt keine Zeit, das hier näher auszuführen.) Die Mitwirkung von Schülern und Eltern an dieser Reform stelle ich mir so vor: Im Frühjahr 2018, kurz nach den Osterferien findet eine erste Auswertung statt. Eltern, Schüler und Lehrer treffen sich in getrennten Räumen mit dem Ziel, eine erste Zwischenbilanz zu entwerfen. Nach zwei Stunden trifft man sich im Plenum, um die Ergebnisse auszuwerten und Schlussfolgerungen für die weitere Arbeit zu ziehen. Es gibt genügend erfahrene Moderatoren unter den hier Anwesenden, die so etwas organisieren könnten!
  7. Wer kann helfen? Unterstützung von außen ist immer hilfreich. Wir können die beiden Universitäten Gießen und Marburg mit ins Boot holen. Die Praktikanten und ihre Beauftragten von der JLU können Teile ihres Praktikums zur Beobachtung in der 9 und in der 10 verbringen und/oder sich am Projekt-Unterricht beteiligen. Viele Besucher von außerhalb werden kommen und das neue Haus des Lernens bewundern. Gebt ihnen die Bitte mit auf den Weg, ihre Eindrücke mitzuteilen, und fragt sie: Welche Erfahrungen macht ihr in euren Schulen? Auch vor Ort gibt es reichhaltige Kontakte. Über die Betriebspraktika werden Kontakte zu vielen Firmen geknüpft, die auch Erfahrungen in punkto Teamarbeit und individueller Kompetenzentwicklung haben. Ihr könnt sie nutzen!
  8. Und noch einen Rat zum Schluss meiner Ausführungen: Erinnert euch an euren Namensgeber, an Theo-Koch-Grünberg. Wie hat er geforscht? Was kann man von seiner Arbeitsweise lernen? Das Besondere an ihm ist ja nicht nur sein Menschenbild, das von Neugier, Respekt und Anerkennung gegenüber den vermeintlich unter den Europäern stehenden Völkern am Amazonas geprägt ist, sondern auch seine akribischen Forschungsmethoden: Genau zuhören, alles aufschreiben, das Alltagsleben nicht nur fotografieren, sondern aufzeichnen und die deutsche Jugend über diese spannende Welt unterrichten. Wie wäre es, wenn der Jahrgang 10 bei der nächsten Abschlussfahrt nach Berlin auch die Schätze besichtigt, die Theo Koch auf seinen Reisen geborgen hat? Sie sollen ja demnächst im Humboldt-Forum zu sehen sein. Vielleicht werfen Sie auf ihrer Reise dann auch die Frage auf, ob man nicht einen Teil der Ganzkörper-Masken wieder nach Manaus schickt, damit die schlafenden Geister wieder geweckt werden können …

So, das war‘s! Möge alles gelingen, was ihr euch vornehmt!

Bl 11/17

2017-11-23T18:06:06+00:0023.11.2017|Aktuelle Beiträge, Allgemein|