Gießener Anzeiger vom 19.02.2024, S. 12

Der Blick aus dem Rathaus zeigt einen bis auf nahezu den letzten Fleck gefüllten Marktplatz. Foto: Losert

1100 Menschen gehen in Grünberg gegen Fremdenhass auf die Straße

Grünberg (hjl). Ein deutliches Zeichen gegen Rechtsradikale und rechte Kräfte setzten am Samstag in Grünberg rund 1100 Demo-Teilnehmer. Aufgerufen hatte das Bündnis Demokratie und Toleranz. Bei der Kundgebung erklang das Lied »Grünberg ist bunt und wunderschön«, das Martina Philippi-Chagrani, Martin Philippi und Gerd Lippert auf Basis des Jubiläumsliedes mit einem passenden Text versehen hatten. Darin heißt es: »Bunt soll unsere Stadt auch bleiben, darum werden wir für unsere Freiheit streiten«.

Bündnissprecher Tobias Lux freute sich, dass man vielfältige Unterstützung gefunden habe. Mehr als 40 Institutionen gehören bereits dazu. Alle Parteien und Wählergruppen der Stadtverordnetenversammlung, Magistrat, Seniorenbeirat, Schulen und Kirchen sowie Firmen seien beteiligt, was sich beim Demonstrationszug bestätigte. Für die musikalische Umrahmung vor den Reden sorgte die Schulband der Theo-Koch-Schule.

Quelle der Stärke

Spätestens nach dem Anschlag von Hanau sei klar, dass man rechter Hetze Einhalt gebieten müsse, betonte Lux. Bürgermeister Marcel Schlosser las danach die »Grünberger Erklärung« vor, in der sich Bürger mit aller Entschlossenheit gegen das Wiederaufkeimen von Faschismus und Nationalismus stellen. Hass und Hetze hätten in Grünberg keinen Platz. Die Geschichte und Gegenwart der Stadt seien geprägt von der Vielfalt der Menschen, die hier lebten.

Dies sei nicht nur ein Spiegelbild der Geschichte, sondern auch eine Quelle der Stärke und Innovation. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit stellten Angriffe auf diese Vielfalt dar und gefährdeten den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Die kürzlich bekannt gewordenen Pläne zur Deportation von Migranten erforderten eine klare Positionierung dagegen.

»Zu Zeiten des Nationalsozialismus sind Menschen aus unserer Mitte vertrieben und ermordet worden. Wir sagen und stellen miteinander sicher: Nie wieder! Und dieses „Nie wieder!“ ist jetzt«, erklärte Schlosser und rief dazu auf, gemeinsam für die Demokratie zu kämpfen.

Der Historiker Prof. Holger Gräf plädierte für eine tolerante und pluralistische Gesellschaft. Er machte deutlich, dass in der Frage »Wo sind denn ihre Wurzeln?« ein Denkfehler enthalten sei. Denn Menschen hätten keine Wurzeln, sondern zwei Beine, die sie, seit es die Menschheit gebe, zum Wandern, zum Migrieren nutzen.

Sie machten sich aus den unterschiedlichsten Gründen auf den Weg. Dazu zählten Kriege, Seuchen, Wetterkatastrophen oder Missernten wie auch berufliche Anstöße. Neben einem gewissen Zusammenhalt untereinander seien die Einwanderer zunächst als »Fremde« wahrgenommen worden. Oftmals führte es zu Konflikten, wenn die Zuwanderer als Konkurrenz oder Bedrohung für die eigene Lebensweise gesehen würden oder sie schlicht als »Sündenböcke« herhalten müssten. Was jedoch die Menschheit heute ausmache, sei ohne Migration nicht denkbar. Migration könne und solle daher auch nicht verboten werden, betonte Holger Gräf.

Geschichte mahnt

Von der Theo-Koch-Schule berichteten Lehrerin Christina Müller sowie Sarah Schmidt und Finia Baumgarte, Schülerinnen der Jahrgangsstufe 12, von den eigenen Nachforschungen zur Biografie von 50 ehemaligen jüdischen Schülern und den dabei gewonnenen Erkenntnissen. Wahlprogramme und Parlamentsreden sollte man demnach genau analysieren. »An Krieg und Hass gibt es nichts Schönes. Es gibt nur ein „Wir“, das sollte man aus der Geschichte lernen«, so die Schülerinnen.

Prokurist Christian Jerkel von der Firma Bender betonte anschließend, dass sich Führungskräfte, Belegschaft und Betriebsrat des Unternehmens zu Toleranz und Demokratie bekennen. Seit 75 Jahren stehe Bender für Diversität.

Danach bewegte sich der Demonstrationszug durch die Marktgasse Richtung Bahnhof und über die B 49 zurück zum Ausgangspunkt. Abschließend spielte die heimische Band »Torino« einige Songs auf dem Marktplatz.