Gießener Anzeiger vom 03.04.2019, S. 28

Institut für Biologiedidaktik der JLU kooperiert mit Theo-Koch-Schule und Grünberger Unternehmensgruppe Bender

Von Diana Moor

GIESSEN. Moderne Gebäude werden gern mit gläsernen Fassaden versehen. Doch das kann fatale Auswirkungen haben: Viele Vögel erkennen die Glasflächen nämlich nicht als Hindernis, prallen im Flug dagegen und sterben. Das ist nicht nur ein Problem in großen Städten, sondern auch in Grünberg. Die dort ansässige Unternehmensgruppe Bender konnte bei ihrem Neubau ebenfalls zahlreiche Spuren von Vogelschlag sehen. Nun geht die Firma nicht nur gezielt dagegen vor, sondern bettet „Jalousien runter“ in ein größeres Projekt ein, um den Artenschutz in der Region zu fördern. In Kooperation mit der Grünberger Theo-Koch-Schule (TKS) sowie dem Institut für Biologiedidaktik an der Justus-Liebig-Universität (JLU) fand nun in der Hermann-Hoffmann-Akademie zum Auftakt ein Aktionstag statt.

Mit Mitarbeitern der Unternehmensgruppe, Schülern der TKS sowie deren Familien trafen sich etwa 100 Personen, um an der in drei Teile gegliederten Veranstaltung teilzunehmen. Die Idee für den Aktionstag kam vom Institut für Biologiedidaktik selbst, der Kontakt wurde über private Verbindungen hergestellt. Benjamin Höchst, Gärtner bei Bender, war auf Institutsleiter Prof. Hans-Peter Ziemek zugegangen, um ihn nach Lösungsansätzen für das Vogelschlagproblem zu fragen. Dieser konnte sich von einem Besuch beim Bundesamt für Naturschutz in Bonn erinnern, dass in diesem zu bestimmten Zeiten die Jalousien heruntergelassen wurden, um den Vögeln das Hindernis anzuzeigen.

Blühstreifen

„Diese Maßnahme haben wir seit Mitte März übernommen“, erklärt Bender-Mitarbeiterin Andrea Gossel. Nun wolle man beobachten, ob auf lange Sicht weniger Vögel an den Glasfronten aufprallen. Währenddessen wird Bender jedoch auch anderweitig tätig. Das weitläufige Gelände wolle man nutzen, um an einem nächsten Aktionstag im Mai Blühstreifen anzulegen – diese sollen langfristig auch die Fluggeschwindigkeit der Vögel bremsen, die sonst allzu hektisch über die freien Flächen fliegen, die ihnen wenig Schutz bieten, erklärt Biologiedidaktiker Ziemek.

Außerdem sollen auf dem Gelände in Grünberg Nistkästen aufgehängt werden, deren Bau ein Bestandteil des Aktionstages ist. Benjamin Höchst hat vorher Bausätze für 60 Kästen vorbereitet, die von den Teilnehmern mit großem Enthusiasmus zusammengenagelt wurden. Mit einer Wildkamera wurde vorher festgestellt, welche Arten auf dem Firmengelände ansässig sind – so wurden unterschiedliche Kästen für die verschiedenen Vorlieben und Bedürfnisse von Sperling, Mauersegler, Staren und diversen Singvögeln gebaut. Diese werden mit Namen versehen, damit die „Bauherren“ auch nachvollziehen können, was sich in „ihrem“ Häuschen so tut – ferner werden auch Kameras in einigen Kästen angebracht. Die dort entstandenen Aufnahmen möchte die TKS für den Schulunterricht nutzen.

Die Räumlichkeiten in der Senckenbergstraße boten sich freilich auch deswegen für den Aktionstag an, da man den Teilnehmern in einem Programmpunkt das dort ausgestellte Pottwalskelett zeigen konnte. So gab Dr. Julia Brennecke vom Institut für Biologiedidaktik unter anderem einen Überblick über die „Geschichte“ des Skeletts, Anatomie und Fressverhalten des Meeressäugers. Und natürlich sorgte das eindrucksvolle Knochenensemble bei den Teilnehmern für reichlich Begeisterung.

Hoffnung auf Stieglitze

Über heimische Artenvielfalt referierte anschließend Hans-Peter Ziemek selbst. Dieser hatte nicht nur lebende Molche und Frösche mitgebracht, sondern auch Präparate von heimischen Vogelarten, deren Angewohnheiten und Besonderheiten er aufzählte. Neben schon selten gewordenen Exemplaren, die unter anderem durch aktuelle Formen von Landwirtschaft gefährdet werden, ging es dabei freilich auch um diejenigen, die womöglich in den Nistkästen auf dem Gelände der Firma einziehen. Ziemek hofft vor allem, dass sich Stieglitze ansiedeln. Er freut sich auf eine langfristige Zusammenarbeit mit der Grünberger Firma Bender. Mit Schulen habe das Institut für Biologiedidaktik schon häufig kooperiert, mit Unternehmen jedoch nicht.

„Hoffentlich machen andere Firmen das nach“, wünschte sich Andrea Gossel. Mit der Aktion wolle Bender einen Beitrag zur Erhaltung von Lebensräumen erbringen – „Unternehmen müssen heutzutage auch nachhaltig denken“, unterstreicht sie. Allerdings sei es auch wichtig, dass die Mitarbeiter sensibilisiert und mit einbezogen würden, um bei ihnen Verständnis für Maßnahmen wie das Herablassen der Jalousien zu fördern. Da viele der Teilnehmer am Ende des Aktionstages um eine Anleitung für die Nistkästen baten, um auch zuhause weiterzubauen, scheint der Auftakt zum Projekt bei ihnen nachhaltig Eindruck hinterlassen zu haben.