Gießener Anzeiger vom 27.05.2024

Die Unterstützer der Aktion mit dem Transparent »Lebendige Demokratie«. Foto: Schmidt

»Hate Speech« und wie sie der Demokratie schaden kann – das ist Thema einer Diskussionsrunde an der Theo-Koch-Schule.

Grünberg (wsc). »Inwiefern schadet »Hate Speech« unserer Demokratie und was können wir dagegen unternehmen?« Über diese Frage diskutierten im Rahmen der Europawoche der freie Journalist und Blogger Said Rezek, zusammen mit den Schülern der Jahrgangsstufen 11 und 12 der vollbesetzten Aula der Theo-Koch-Schule (TKS) in Grünberg. Im Rahmen seiner Grußworte griff Schulleiter Jörg Keller das Zitat »Jeder kann der Hetze im Netz Paroli bieten« von Said Rezek auf. Torsten Denker, Leiter der Kreisvolkshochschule, beschrieb, wie sehr das Smartphone Teil unseres täglichen Lebens geworden sei.

Die Schüler Finia Baumgarte, Sarah-Marie Schmidt und Luke Schaaf (TKS) stellten zunächst die Ergebnisse der Studie »Lauter Hass – leiser Rückzug« des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz aus dem Jahr 2024 vor. Darin wird beschrieben, dass fast jede zweite Person schon einmal online beleidigt wurde. Besonders häufig betroffen sind nach eigenen Angaben Personen mit sichtbarem Migrationshintergrund, junge Frauen und Menschen mit homosexueller oder bisexueller Orientierung. Ein Viertel der Befragten wurde auch mit körperlicher Gewalt und mit sexueller Gewalt konfrontiert. Fast jede zweite Frau erhielt ungefragt ein Nacktfoto. Mehr als die Hälfte der Befragten bekennt sich aus Angst im Netz seltener zur eigenen Meinung und Diskussionen oder äußerten sich bewusst vorsichtiger. 82 Prozent der Befragten fürchten, dass die Vielfalt im Netz durch Hate Speech eingeschränkt wird.

Beleidigung und üble Nachrede

Said Rezek skizzierte, dass marginalisierte Personengruppen, also Gruppen, die ohnehin in der Gesellschaft benachteiligt sind, hauptsächlich von Hate Speech betroffen sind. Diese Abwertungen zielen auf Hautfarbe, Herkunft, Sexualität, Geschlecht, Alter, Behinderung oder Religion von Menschen ab und sollen die Betroffenen als »weniger wert« darstellen. Gleiche Rechte werden ihnen in gewalttätiger Sprache abgesprochen. In einigen Fällen erfüllen die Beleidigungen sogar die Tatbestandsmerkmale der Beleidigung, der üblen Nachrede oder der Volksverhetzung.

»Gleichzeitig bieten soziale Netzwerke die Plattform und das Potenzial, den Hatern Paroli zu bieten«, so Rezek. Auf die Frage aus den Reihen der Schüler, wann Hate Speech beginnt, befand Rezek: »Wenn Personen oder Gruppen kategorisiert, hierarchisiert und abgewertet werden ist dies der Fall.«

Aber auch die individuellen persönlichen Grenzen der betroffenen Menschen sind ausschlaggebend. Die Meinungsfreiheit sei nicht absolut, sie habe Grenzen, um Menschen zu schützen.

Aus seiner Sicht gibt es verschiedene Möglichkeiten, auf Hasskommentare zu reagieren. So könne präventiv die Kommentarfunktion deaktiviert werden. Allerdings bliebe dadurch generell ein Feedback aus und dies beträfe auch positive Reaktionen.

Propaganda und »Lügenpresse«

Eine weitere Variante sei es, nur Freunde oder Follower für Kommentare zu berechtigen oder eine Filterliste einzurichten. Diese werde mit Wörtern oder Begriffen versehen, die dann für Kommentare nicht mehr genutzt werden können. Allerdings sei festzustellen, dass Hate-Begriffe teilweise bewusst falsch geschrieben werden, um den Filter zu umgehen. Rezek empfahl, die Kommentare zeitnah mit einer transparenten Erklärung zu löschen, sodass die Hater bestenfalls zur Einsicht gebracht werden oder mit dokumentierten Löschungen ein Problembewusstsein für Hate Speech entstehe. Auch stille Mitleser können durch »Counter Speech«, also durch das Beantworten von Hasskommentaren, dazu motiviert werden, einen positiven Kommentar zu liken oder gar selbst einen zu verfassen.

Generell sei es angesagt, »Flagge zu zeigen«, denn mit organisierter Gegenrede könne man durchaus einen Rückgang von Hasskommentaren erreichen. Eine schweigende Zustimmung ohne Reaktionen seien kontraproduktiv. Rezek ermunterte, Hater dem Mediumbetreiber zu melden, um gegebenenfalls eine Sperrung dieser Person auszulösen.

Bei der Verletzung der Meinungsfreiheit sei letztendlich auch von der Erstattung einer Strafanzeige Gebrauch zu machen. In der schwersten Form von Hate Speech treten – sich eigenes bezeichnende »Infokrieger« – in organisierten Formen auf, um insbesondere aktiv Verschwörungstheorien und gezielte Propaganda gegen die »Lügenpresse« und der etablierten Elite zu verbreiten. Dieses Vorgehen sei insbesondere in rechten Netzwerken zu beobachten. Rezek riet davon ab, als Einzelperson Hasskommentare auf extremistischen Internetseiten zu beantworten.

Alle an der Diskussionsrunde Beteiligten ermutigten dazu, sich aktiv gegen Hate Speech zu stellen.

Die Lehrerin Christina Müller leitete die Podiumsdiskussion mit der Frage an die Zuschauer ein, wer auf Hasskommentar reagieren würde. Etwa fünf Prozent der Schüler aus dem Publikum meldeten sich. Gegen Ende der Veranstaltung stieg diese Zahl auf 30 Prozent.

Sarah-Marie Schmidt, Finia Baumgarte, Said Rezek, Christin Müller und Luke Schaff (v.l.) bei der Podiumsdiskussion. Foto: Schmidt

vgl. auch “Klares Stoppsignal geben” (Gießener Allgemeine Zeitung)