Gießener Anzeiger vom 24.05.2024

Sven Görtz (links) moderiert die Podiumsdiskussion in Grünberg. Foto: Schmidt

200 Besucher verfolgen die Diskussionsrunde zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes in der Grünberger Gallushalle

Grünberg (wsc). In diesen Tagen feiert das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, ein wesentliches Fundament unserer Demokratie, seinen 75. Geburtstag. Angesichts zunehmender Hetze von rechts und der Verherrlichung von diktatorischen Regimen sowie den tätlichen Angriffen auf Politiker fand in Grünberg unter dem Moto »Du hast die Wahl … Warum unsere Demokratie kein Selbstläufer ist« ein abwechslungsreicher Abend rund um das Thema »Demokratie« statt. Knapp 200 Zuschauer fanden sich in dem komplett gefüllten Saal der Gallushalle ein. Im Mittelpunkt stand eine Podiumsdiskussion mit Landrätin Anita Schneider, Prof. Dr. Dorothée de Nève (Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen) sowie Finia Baumgarte, Sarah-Marie Schmidt und Luke Schaaf (Schüler der Theo-Koch-Schule Grünberg) statt.

Die Politikwissenschaftlerin De Nève kommt aus der Schweiz und ist Projektleiterin des interdisziplinären Forschungsverbundes »Antidemokratische Haltungen – Herausforderungen für Bildung und Sozialisation« an der JLU Gießen. Zunächst begrüßten Lilian Lamadrieu (Koordinatorin für Gemeinwesen) sowie Torsten Denker (Leiter der Kreisvolkshochschule) die Gäste in Grünberg.

Fake News beleuchten

Nach einem Grußwort von Bürgermeister Marcel Schlosser führte der bekannte Philosoph, Sänger und Songwriter Sven Görtz durch den Abend. Ziel war es, den Zustand unserer Demokratie und deren Perspektiven sowie den Umgang mit Fake News in sozialen Medien zu beleuchten.

Schaaf und Schmidt beschrieben, dass sie sich mit maßgeblicher Unterstützung ihrer Lehrerin Christina Müller an der Theo-Koch-Schule mit den Lehren aus dem Holocaust beschäftigen. Ihr Engagement wurde von Görtz gelobt und von den Zuschauern mit Applaus gewürdigt.

Die Landrätin legte Wert auf einen von Wertschätzung getragenen Austausch zwischen den Menschen. Sie erinnerte an die Gründung des Europarates, um einen langanhaltenden Frieden erhalten zu können und die Demokratie zu schützen.

Dr. De Nève liegt die Freiheit der Wissenschaft am Herzen. Sie spüre Tendenzen, dass versucht werde, auf die Felder der Wissenschaft Einfluss zu nehmen, so die Wissenschaftlerin. Dies bezog sie insbesondere auf die »lukrativen« Themen«, ohne sie konkret zu benennen. Hier gelte es, die Freiheit zu schützen. Die Bereitschaft, Solidarität zu teilen, habe aus ihrer Sicht eine besondere Bedeutung.

Görtz wiederum fragte die Jugendlichen, wie sie zur Bedrohung durch den Krieg in der Ukraine stehen. Sarah-Marie Schmidt betonte, dass sie dies sehr beunruhigend finde. Für Finia Baumgarte ist ein aktives Einbringen aller für Demokratie und Frieden besonders wichtig. Ausdrücklich schloss sie dabei ihre Altersklasse – zwischen 16 und 17 Jahren – ein. »Medien sind etwas auf das wir mehr achten müssen«, machte Schaaf dabei deutlich. Unabhängigen Nachrichtenquellen wies sie eine besonders wichtige Rolle zu.

Konstruktive Kritik und konstruktives Misstrauen sind laut Görtz tragende Bestandteile einer Kontrollfunktion, um bessere Ergebnisse zu erzielen. De Nève verwies in diesem Zusammenhang auf die Wichtigkeit der ersten 20 Artikel im Grundgesetz. Diese seien nicht änderbare Spielregeln der Demokratie.

Junge Leute ermuntern

Schneider lobte die Menschen, die sich ehrenamtlich in die kommunale Politik einbringen. Sie bezeichnete sie als »Substanz unser Demokratie« und ermunterte, sich weiterhin einzubringen oder sich diesbezüglich zukünftig zu beteiligen. Hierzu erinnerte sie an das Zitat von Willy Brandt, »Mehr Demokratie wagen«, und wünschte sich gleichzeitig mehr Zivilcourage. Die Schüler wünschten sich, dass sich mehr junge Menschen in die politischen Prozesse einbringen. Aus Reihen der Zuschauer wurde beklagt, dass es kein Regelwerk für die Nutzung von Social-Media-Kanäle gebe. Die Frage, was Medien dürfen, sei laut De Nève nicht neu. Allerdings zeigten sich die Dynamik und die technische Entwicklung nun im Gegensatz zu frühreren Zeiten in rasantem Tempo. Beispielsweise existieren für die Nutzung der Künstlichen Intelligenz keine gesetzlichen Regelungen.

Die Veranstaltung konnte live über den YouTube-Kanal der vhs verfolgt werden.

Die Ausstellung »Mütter des Grundgesetzes« im Rathaus und eine Social Media Aktion zur Europawahl in der Halle flankierten den Diskussionsabend. Die Grünberger Chorgemeinschaft 1834 Taktzente und der deutsch-russischer-Chor Harmonie sorgten zudem für musikalische Unterhaltung.

vgl. auch “Seriöse Quellen nutzen” (Gießener Allgemeine Zeitung)