Gießener Anzeiger vom 11.02.2020, S. 24

„Physik im Blick“: Prof. Markus Thoma referiert zu Röntgen-Strahlung im Weltraum / Navigation und Positionsbestimmung unabhängig von der Erde möglich

GIESSEN (fpf). Eigentlich stand die Vortragsreihe „Physik im Blick“ an der Justus-Liebig-Universität (JLU) unter dem Motto „Physik des Unsichtbaren“. Der letzte von insgesamt vier Vorträgen befasste sich allerdings mit einem Phänomen, das auf der Erde hauptsächlich genutzt wird, um Verborgenes sichtbar zu machen: der Röntgenstrahlung. „Ich will Ihnen vor allem die Wichtigkeit dieser Strahlung im Weltraum erklären“, begrüßte Prof. Markus Thoma seine Zuhörer.

Der Professor für Plasma- und Raumfahrtphysik in Gießen erläuterte zunächst die vor 125 Jahren von Wilhelm Conrad Röntgen erfundene Technik zur künstlichen Erzeugung dieser Strahlen: „Es werden Elektronen aus einer Kathode auf eine Anode ‚geschossen‘ und von der Anode strahlt Röntgenstrahlung ab.“ Röntgenstrahlen hätten eine geringere Wellenlänge als sichtbares Licht und seien deshalb durch das menschliche Auge nicht sichtbar. „Wir können sie aber nachweisen“, betonte der Wissenschaftler.

Im Weltraum entstehe Röntgenstrahlung entweder durch Hitze oder durch Elektronenbewegungen im Atom, etwa durch ein Magnetfeld. „Beim ‚Tod‘ eines Sternes durch eine Supernova-Explosion kann anschließend ein Neutronenstern entstehen“, so der Physiker weiter. Dies sei quasi ein riesiger Atomkern mit einem Durchmesser von ungefähr 20 Kilometer. „Diese extrem verdichteten Objekte rotieren sehr schnell und haben ein unvorstellbar starkes Magnetfeld. Dadurch strahlen sie an den Polen Röntgenstrahlung ab“, erklärte der Professor. Diese pulsierende Strahlung sei durch Röntgenteleskope im Weltall einfangbar, da die Wellen nicht die Atmosphäre der Erde durchdringen können. „Wenn wir zukünftig Raumschiffe mit Röntgenteleskopen ausstatten und diese die pulsierende Strahlung aus verschiedenen Positionen des Alls wahrnehmen können, ist eine Navigation und Positionsbestimmung unabhängig von der Erde möglich“, so Thoma. Dies könne beispielsweise bei interplanetaren Missionen sehr wichtig werden. Verschiedenste Radioteleskope höchster Auflösung seien bereits auf Umlaufbahnen um die Erde. „Damit ist bereits heute eine ‚Röntgenkartierung‘ unseres Universums möglich“, konstatierte der Raumfahrtphysiker.

Harald Lesch kommt

Abschließend lud Thoma zu einer Jubiläumsveranstaltung der JLU im Mai ein. Dann wird der Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator Harald Lesch anlässlich des diesjährigen 175. Röntgen-Geburtstages „zum selben Thema referieren wie ich heute; Sie können ja dann vergleichen, ob er es genauso gut kann“, witzelte Thoma.

Im Anschluss an den Vortrag wurden noch einige Schülerinnen für ihre guten Ergebnisse im Quizfragebogen geehrt. Dieser wurde immer nach den Vorträgen ausgeteilt. Am besten insgesamt schnitt die Aliceschule in Gießen ab. Hier erreichten die Teilnehmer im Schnitt 18,9 von 20 möglichen Punkten; die Theo-Koch-Schule in Grünberg folgte dicht mit 17,4 Zählern. Auf sie wartet nun ein Besuch beim Institut für Aerodynamik und Strömungstechnik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) in Göttingen. „Hoffentlich können wir so im nächsten Jahr noch mehr Schüler dazu animieren, an unserer Vortragsreihe teilzunehmen“, schloss Fachbereichsleiter Prof. Peter Klar die diesjährige Veranstaltungsreihe.